“Nur glückliche Orangen in der Saftpresse”

Präsenz am Beispiel von OK Kids „Gute Menschen“

Der Begriff der Präsenz nach Gumbrecht

Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor an der Standford University, Hans-Ulrich Gumbrecht, entwickelte in den 1990ern ein Forschungsgebiet, welches sich mit den Wirkungen der Materialität von Texten auseinandersetzt, wodurch sich anschließend auch das Konzept der Präsenz herausarbeiten lies. Mit Präsenz ist ein Gegenbegriff zum Sinn gemeint. (Sinn meint in diesem Fall nicht eine Omnipräsenz, sondern ein zeitliches Empfinden, welches auf einem gegenwärtigen Gefühlserlebnis basiert).[1] Gumbrecht beschreibt diese Art von körperlichem Erleben vollkommener Gegenwartsempfindung selbst in folgendem Zitat:

Was also präsent ist, befindet sich in unserer Reichweite, ist etwas, das wir berühren können und das wir unmittelbar mit den Sinnen wahrnehmen. Präsenz in diesem Sinne schließt natürlich die Zeitdimension nicht aus, bindet aber Zeit immer an einen Raum. Unter Präsenzbedingungen sind Bewegungen entweder schnell oder langsam […]. [2]

Gumbrecht beschreibt die Präsenz hier als eine Art Überladung der Körperlichkeit, und somit des räumlichen Empfindens über dem zeitlichen Empfinden. Auch steht der Begriff der Präsenz in direkter Opposition zu Derrida’s Dekonstruktion, dem Sprachlichen, sowie zur Hermeneutik, der Überbewertung der Interpretation. Mit Hinblick auf die Präsenz steht also das körperliche Empfinden bei der Erfahrung von Kunst im Vordergrund. Eingeleitet ist dieses körperliche Empfinden der Präsenz von der Materialität des Kunstwerks, welches die Räumlichkeit und Distanz zwischen Körpern darstellt. Somit wird etwas vorerst als in der Distanz erscheinendes sozusagen greifbar jedoch gleichzeitig niemals fixierbar gemacht. [3]

Man sollte bei der Analyse von Sprache in Bezug auf Präsenz, nach Gumbrecht zwischen sechs Zusammenhängen unterscheiden:

  • Präsenz als Ausdruck der Sprache von etwas, was der Körper selbst erfahren kann (Rhythmus).
  • Präsenz als Wunsch nach etwas Abwesenden, wobei das Begehren im Vordergrund steht.
  • Präsenz als etwas Abwesendes, wobei das ästhetische Erleben im Vordergrund steht.
  • Präsenz als eine Transformation des Geschriebenen, vom Wörtlichen zur Deixis, wobei das ‚auf-die-Worte zeigen‘ im Vordergrund steht.
  • Präsenz als Sprache des unerreichbarem Mystischen, wobei das ständige Scheitern dessen im Vordergrund steht.
  • Präsenz als literarische sowie räumliche Repräsentation der Epiphanie, wobei das Erzeugen von Effekten der Epiphanie im Vordergrund stehen. [4]

Zwischen den aufgelisteten Zusammenhängen soll nun, in der folgenden Kurzanalyse des Songtextes „Gute Menschen“ von OK Kid, unterschieden werden, um seine Präsenz herauszuarbeiten.

OK Kids „Gute Menschen“

OK Kid ist eine dreiköpfige Popgruppe aus der Region um Gießen, welche im Jahr 2014 am Bundesvision Song Contest teilnahm und den 9. Platz belegte. In Bezug auf den 2015 Song „Gute Menschen wurde die Band von dem Gießener Anzeiger, wie folgt, beschrieben:

Die Gießener Band “OK Kid” ist für ihre kritische und reflektierte Sicht auf die Welt bekannt – dass sie sich politisch äußert, ist allerdings ein Novum. [5]

Auch wird empfunden, dass der Song „die gesamte deutsche Grundhaltung infrage“ stellt. Neben den schon existenten Interpretationen, soll die folgende Kurzanalyse nun erörtern, ob und wie der Song es mit Hilfe seiner Lyrics schafft durch seine Materialität eine  Präsenz zu erzeugen.

Präsenz

In Bezug auf seinen Rhythmus kann behauptet werden, dass der Songtext vorerst zu einer sehr monotonen Übersetzung der Worte hinleitet. Auf diese Weise erzeugt er seinen eigenen Rhythmus, welches ein Gefühl des ‚Robotersein‘ auslöst. Ein körperliches Empfinden einer Art Enge wird, vor allem von der ersten Strophe, mit Hilfe der Sprachwahl erzeugt. So verleitet z.B. die Zeile „Ein Leben im Korsett“ und der Ausdruck des Verdrängens zu einer Art mentaler Atemnot. Die simplen oder gar nicht erst existierenden Reime erzeugen ein Gefühl des Un-authentischen, was an ‚Text-to-Voice‘ Computerprogramme der frühen 2000er erinnert:

Alles ist einfach, bist du einfach gestrickt
Kein Knoten im Kopf, nur ein Faden am Genick
Und dann ab Richtung Glückseligkeit
Ein Leben im Korsett
Ein guter Mensch verdrängt was er nicht weiß
. [6]

Das ‚Empfinden des Roboterseins‘ transformiert sich jedoch im Laufe des Textes: Die steigernde Ironie der Sprache verleitet in der letzten Strophe zum Gefühl der Wut:

Was, was homophob? (nein, nein, nein, nein, nein)
Sie sind da für kranke Menschen, auch Schwule kann man heilen
Eine Hand wäscht die andere rein
Brownies backen für die Hochzeit, Mohrenköpfe teilen
Und wenn im Sportlerheim die erste Strophe erklingt
Und das Brüderlein singt, ist das überhaupt nicht schlimm
Niemand schiebt hier irgendjemand ab
Alle lieben Aydin Döner – beste Soße der Stadt

In Bezug auf den Wunsch nach etwas Abwesenden kann behauptet werden, dass

der Songtext ein Gefühl der Enge veranlasst, was zu dem Begehren nach Luft, nach Atmung, oder sogar nach einer Befreiung, führt. Dies kann z.B. an Wort -und Phrasenwahl wie „Korsett“, „Faden am Genick“, „Orangen in der Saftpresse“, „rumlutschen bis zum Schluss“, in der ersten Strophe ausgemacht werden. Des Weiteren ist eine innere Leere zu spüren, welche von der fortlaufenden Ironie in zweiten Strophe veranlasst wird:

Nein sie sind keine Nazis, auch sie trinken Kaffee Togo
Auch sie waren schon im Urlaub, wo es Schwarze gab
Und am Vatertag lief sogar Roberto Blanco
Der ein wunderbarer Neger war, wo ist das Problem?

Somit wird auch das Deiktische in den Vordergrund gestellt. Die Worte selbst erscheinen als leer und wertlos. Die Leere der Worte erstreckt sich über den gesamten Songtext; Ausdrücke wie „glücklich“, „einfach“ und „gut“ erzeugen ein gegenteiliges Gefühl. Somit erfährt der Rezipient einen Kontrast, der sich im körperlichen Erlebnis der Leere ausdrückt.

Auch die Räumlichkeit der Epiphanie wird deutlich: Als Rezipient des Songtextes wird man einer ‚Ästhetik des versteckten Hässlichen‘ gegenübergestellt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Moralhaltung und die Hinterfragung der eigenen inneren Authentizität wird ‚erpresst‘, wodurch auch das Gefühl der Enge weiter in den Vordergrund gebracht wird. Auch wenn eine explizit, sprachliche Distanz zwischen Leser und Objekt der Beschreibung besteht, erfordert die Sprachwahl eine Auseinandersetzung mit der eigenen Authentizität. Die Epiphanie ist hier keine positive, sondern eine Art Spiegelung des Realistischen, ein Gefühl der Nacktheit, und des ‚in-den Spiegel-Sehens‘. Dieser Effekt wird vor allem vom Refrain erzeugt:

Ich weiß nicht was ihr seht, ich seh’ nur gute Menschen
Alle lieben Kinder, alle gehen Blut spenden
Und das letzte was man hier noch vermisst
Ist die Antwort auf die Frage warum alles bleibt wie’s ist

Ich weiß nicht was ihr habt
Ich sehe nur gute Menschen, die nichts Böses wollen
Nein, die nur an unsere Zukunft denken
Und wahrscheinlich werden sie es nie verstehen
Warum ich kotzen muss, wenn ich sie seh’

Bis hin zu den letzten zwei Zeilen des zweiten Refrains steht die innere Sicht im Vordergrund. Die spontane Umkehrung der Distanz, vom Internen zum Externen erzeugt hier einen räumlich bedingten Effekt des körperlichen Schocks. Es erscheint so als ob das, was äußerlich als erkennbar positiv erschien, nunmehr zum negativen wird, indem die Perspektive gewechselt wird. Die Ignoranz der eigenen Psyche, aus Sicht auf etwas intern Un-authentisches wird mit Hilfe von externer Perspektive sichtbar gemacht.

Fazit

Zusammenfassend kann behauptet werden, dass OK Kids „Gute Menschen“ durch Kontrastierung vom Authentischen und Nicht-Authentischen, und vom Inneren und Äußeren eine ‚Ästhetik des Versteckten Hässlichen‘ erschafft, welches mit Hilfe von sprachlichen Einflüssen entblößt wird. Dadurch erfährt der Rezipient ein körperliches Empfinden der inneren Leere, sowie der inneren Enge, welche beide zu einem Wunsch nach Befreiung der Falschheit und einer Auseinandersetzung mit der Wahrhaftigkeit führen.

_________

  • Hans Ulrich Gumbrecht: „Epiphanien“. In: Joachim Küpper/Christoph Menke (Hg): Dimensionen ästhetischer Erfahrung, Frankfurt am Main 2003, S. 117-139.
  • Hans Ulrich Gumbrecht: Lob des Sports. Übersetzt von: Georg Deggerich. Suhrkap Verlag: Frankfurt am Main 2005, S. 41.
  • Hans Ulrich Gumbrecht: Diesseits der Hermeneutik: Über die Produktion von Präsenz. Übersetzt von: Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag: Berlin, S. 77.
  • Hans Ulrich Gumbrecht: “Präsenz in der Sprache.” In: Unsere Breite Gegenwart. Übersetzt von: Frank Born. Suhrkamp Verlag: Berlin, 2010.
  • Anonym: Gießener Band OK Kid wird politisch: Video und Song „Gute Menschen“ auf Youtub Gießener Anzeiger, 18 Nov 2015. Online. 26. Mai 2017.
  • OK KID: Gute Menschen. Zwei. 10 Oktober 2015. Four Music.

 

[1] Hans Ulrich Gumbrecht: „Epiphanien“. In: Joachim Küpper/Christoph Menke (Hg.): Dimensionen ästhetischer Erfahrung, Frankfurt am Main 2003, S. 117-139.

[2] Hans Ulrich Gumbrecht: Lob des Sports. Übersetzt von: Georg Deggerich. Suhrkap Verlag: Frankfurt am Main 2005, S. 41.

[3] Hans Ulrich Gumbrecht: Diesseits der Hermeneutik: Über die Produktion von Präsenz. Übersetzt von: Joachim Schulte. Suhrkamp Verlag: Berlin, S. 77.

[4] Hans Ulrich Gumbrecht: “Präsenz in der Sprache.” In: Unsere Breite Gegenwart. Übersetzt von: Frank Born. Suhrkamp Verlag: Berlin, 2010.

[5] Anonym: Gießener Band OK Kid wird politisch: Video und Song „Gute Menschen“ auf Youtube. Gießener Anzeiger, 18 Nov 2015. Online. 26. Mai 2017.

[6] Songtext im Anhang

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